aus NZZ, 27. 2. 2012
Wer das Bewahrenswerte erhalten will, so heisst
es, der müsse verändern, was der Erneuerung bedarf. Das klingt
überzeugend, schafft aber - bezogen auf unsere historischen Städte -
einige Probleme.
von Robert Kaltenbrunner
Seine «Erinnerungen an Petersburg» beginnt Joseph Brodsky mit den Sätzen: «Wie bei Fehlschlägen üblich, gleicht das Unternehmen, sich die Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen, dem Versuch, den Sinn des Daseins zu erfassen. Beides macht, dass man sich vorkommt wie ein Baby, das nach einem Basketball greift: immer wieder rutschen die Hände ab.» Nicht zuletzt um diesem Abgleiten des Vergegenwärtigens alltäglicher Dinge Einhalt zu gebieten, gibt es den Denkmalschutz - gleichsam als praktizierte Erinnerungsarbeit. In den Worten Brodskys: «Ich muss sagen, dass ich von diesen Fassaden und Portikus - klassisch, modern, eklektizistisch -, von ihren Ornamenten und balkontragenden Karyatiden, von den Torsos in den Eingangsnischen mehr über die Geschichte unserer Welt gelernt habe als später aus irgendeinem Buch.»
Konkurrenz von Alt und Neu
An den gesellschaftlichen Wert des Erinnerns muss hier nicht eigens erinnert werden. Doch was eine Stadtsilhouette bedeutet, merken die meisten Menschen erst, wenn sie verloren ist: Warschau 1944, Dresden 1945 oder Downtown Manhattan 2001 mögen eindrückliche Beispiele abgeben, einzigartig aber sind sie nicht. Kein Wunder, dass Bewahren und Revitalisieren heute grossgeschrieben werden. Und dass es ein weithin akzeptiertes Ideal zu sein scheint, in den Strukturen der überlieferten Stadt neu heimisch zu werden. Ein Beispiel dafür stellt das sächsische Görlitz dar - ein Ort, dessen Charme nicht nur in seinem mittelalterlichen Kern mit den gotischen Hallenhäusern liegt. Prägend sind auch die charaktervollen Strassen und Plätze der Gründerzeit und die Jugendstilbauten.
Görlitz
Freilich gehört der Gegensatz von Kontinuität und Veränderung zu den Grundmotiven jedweder urbanen Entwicklung. Bis Mitte der 1970er Jahre etwa war in Basel, wie in den meisten westeuropäischen Städten, eine überaus modernisierungsfreudige Haltung dominant: Das Alte muss zerstört werden, damit Platz für Neues entstehen kann. Doch der seinerzeitige Beschluss, Teile der Grossbasler Altstadt abzubrechen, um Raum für eine neue Strasse zu schaffen, war zu viel des Guten. Er löste heftige Gegenreaktionen aus, weswegen dann - wie es der ehemalige Kantonsbaumeister Carl Fingerhuth ausdrückte - «jeder Stein und
.
Basel, Spalentor
jeder Balken der Altstadt heiliggesprochen» wurde. Die grössten Bauaufgaben von Basel lagen für lange Zeit in Renovationen, die vornehmlich auf den Ortsbildschutz abstellten. Allein, Basel hat es längst - nicht zuletzt durch den von Herzog & de Meuron mitgestalteten Stadtumbau - geschafft, sich ein neues urbanes Image zu geben. Andernorts freilich scheint das Pendel ins andere Extrem zu schwingen: zu einer exakten oder ungefähren Rekonstruktion überlieferter Stadträume und Bauten. Zumindest drängt eine beachtliche Zahl an Bewohnern in Frankfurt, Dresden oder Nürnberg bei der Neugestaltung von Altstadtarealen vehement auf die Wiederherstellung des Alten.
Wagt man den Blick hinter die
aufwallenden Emotionen, so lässt sich ein implizites Bedürfnis nach
geschlossenen Stadtbildern erahnen, aber auch die Frage nach dem
«kulturellen Gedächtnis» der Stadtgemeinschaft. Das mag als ein Ansatz
für die Zukunft taugen, der darauf zielt, die Permanenz historischer
Strukturen zu sichern und den «verlorenen Ort» wieder herzustellen.
Städtebau in diesem Sinne wäre so etwas wie eine Politik kluger
Ressourcennutzung - auch jenseits jenes relativ kleinen Bestandes von
Gebäuden, die durch das besondere Prädikat der Denkmalwürdigkeit
ausgezeichnet werden.Allerdings schliesst geschichtliche Kontinuität auch Ehrlichkeit gegenüber der Gegenwart ein. Historie lässt sich weder anhalten noch zurückdrehen. Das wiederum spricht gegen eine Art von Anpassungsarchitektur, die den Eindruck zu erwecken sucht, als handele es sich um historische Substanz. Dieses Thema ist so neu nicht: Von jener Welt, in deren Bautenkonglomerat Denkmal und Neubau ununterscheidbar werden, sprach der Kunsthistoriker Georg Dehio, als er am Ende des 19. Jahrhunderts sein berühmt gewordenes Fazit der historistischen Denkmalpflege zog: «Woher das Verhalten der Architekten? Die Architektur konnte die Offenbarungen, die ihr der historische Geist des Jahrhunderts darbrachte, nicht ertragen. Sie kannte alle je gesprochenen Sprachen der toten Kunst und bediente sich nach Wunsch abwechselnd einer jeden; nur eine eigene Sprache hatte sie nicht.»
Dass zwischen der atmosphärischen Anmutung von Ensemble und Ortsbild einerseits und dem Authentischen, dem historischen Überlieferten andererseits ein grundlegender Konflikt schlummert, macht man sich kaum bewusst. Das Bewahrte ist kaum je das Alte: Selbst wenn die Fassaden der oftmals unter Denkmalschutz stehenden Altstadthäuser noch erhalten werden konnten, so wurden die früheren Nutzungen zumeist längst von Geldinstituten, Büros und Verwaltungsstellen oder Kauf- und Warenhäusern verdrängt. Dem Anliegen der Bewahrung steht mitunter die Sehnsucht nach anschaulichen Stadträumen entgegen. Freilich sind Widersprüche in der Kontinuität, die Moderne und Tradition verbindet, unvermeidbar. Sie auszuhalten - und nicht auszublenden -, ist notwendig. Es gilt, wie der des «Rekonstruktivismus« unverdächtige Architekt Peter Kulka einmal betonte, «den richtigen Übergang zwischen Historischem und Neuem zu finden und beides sinnvoll zu vereinen. Dabei bleibt genügend Platz für eine anspruchsvolle zeitgenössische Architektur.»
Frankfurt a. M., Hühnermarkt
Ein harmonisches Gleichgewicht zu erreichen, ist jedoch leichter gesagt als getan. Es mag zwingende Gründe dafür geben, warum die historische Substanz einer Stadt angegriffen wird, es kann sich aber auch um novitätensüchtige Willkür handeln; und selbst die Bewohner mögen in Regensburg oder Salzburg darauf anders reagieren als etwa in Lugano. Wobei man sehen muss, dass das Gewicht privatwirtschaftlicher Interessen sowie der Wettstreit unter den Städten oft dazu führen, historische Ortsteile als blosse Dekoration zu erhalten: weil es nur um die Aufwertung von Geschäftsbereichen zu tun ist, weil Altstädte - von Emden bis Füssen, von Magdeburg bis Solothurn - zu atmosphärischen Freizeit-Oasen mutieren. Denkmalschutz muss insofern viel mehr umfassen als die Sorge um die Rettung einzelner «Traditionsinseln», die meistens in keiner Beziehung mehr stehen zum sozialen Geflecht der übrigen Stadt. Er ist deshalb einzubetten in ein strukturelles Gesamtkonzept, das die Verteilung der Standortqualitäten und der Entwicklungskräfte innerhalb des Stadtgefüges steuert.
Füssen, Fußgängerzone
Tradition und Moderne
Der in der Fachgemeinde noch immer vorherrschende Lobgesang auf die Rationalität der Moderne trübt die Bewertung überlieferter Raumkonzeptionen genauso wie die appellative Nostalgie von «interessierter» - in der Regel kulturkonservativer - Seite, mit der überkommene Strukturen und Raumsituationen per se als zeitgemässe Lösungen ins Spiel gebracht werden: Die Wahrheit liegt dazwischen, nämlich darin, Alt und Neu gemeinsam in ihr Recht zu setzen, in einer stets einzelfallbezogenen Synthese, wie die Erweiterung des Stadtmuseums Rapperswil durch das Bieler Büro :mlzd zeigt. Gerade weil es um das Problem der bestehenden Stadt - und nicht um ihre Neuerfindung - geht, sind Lösungen nur möglich, wenn wir uns nicht nur um die Dinge kümmern, die zu konsolidieren und zu retten sind, sondern auch um die Demolierungen, Veränderungen und neuen Verwendungsmöglichkeiten. Denn die im Laufe der Geschichte erbaute Stadt ist das Material, mit dem man sich in der architektonischen und urbanistischen Arbeit auseinanderzusetzen hat. Keine Kosten-Nutzen-Analyse kann jedoch kaschieren, dass diese Abwägung immer auch eine Wertentscheidung enthält, die subjektiv ist - aber als kollektive erlebt werden will.
Nicht nur Soziologen fragen heute besorgt, ob die Moderne zu ihrer eigenen Stabilität nicht doch einiger - eigentlich systemfremder - vormoderner Elemente bedürfe. Die jüngere Stadtbaugeschichte dahingehend neu zu lesen, stellt damit ein gesellschaftliches Desiderat dar. Und das Weiterbauen des bestehenden Stadtgewebes - wie es beispielsweise in Bozen beschlossen wurde (NZZ 16. 6. 11) - scheint fürs Erste ein probates Rezept. Denn eines ist gewiss: Die Stadt braucht im gleichen Masse Regeln wie die Gesellschaft eine Verfassung.
Bozen, Stadterweiterung Südwest
Kopfbild: Stadterweiterungsplan für Bozen







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