Donnerstag, 23. Februar 2012

Ist Neuheit eine ästhetische Qualität?


Ob ein Bild - die Bilderfindung -  neu ist oder alt, sollte seine ästhetisch Qualität nicht berühren. Die Linien, die Farben, die Formen, die Massen, das Hell und das Dunkel sind ja immer dieselben. Indes liegt das Ästhetische der Wahrnehmung nicht in den Gegenständen, sondern im Auge des für-wahr-Nehmenden. Dass ein Bild genau so aussieht, wie ein Betrachter es erwartet hat, kann eine Erfüllung sein oder eine Enttäuschung, ja nachdem. Und wenn nicht - eine Überraschung: sei's Beglückung, sei's ein Abscheu. Und dabei ist die Frage nach möglichen thematischen Bezügen noch gar nicht angesprochen...

Natürlich spielt also die Neuheit der Faktur für das Erleben der Zeitgenossen eine Rolle, und welche - darauf muss der Künstler es eben ankommen lassen. Doch für die Nachgeborenen ist jede einstige Sensation ein Schonmaldagewesen, und jetzt sind die Kunsthistoriker dran, die das Werk weniger nach seiner ästhetischen Qualität als nach seinem Platz in der Entwicklungsreihe 'der Kunst' beurteilen.


Und in dieser Entwicklungsreihe kann jede neue Variante der Faktur Furore machen, die im Augenblick ein reales ästhetisches Erleben war und sich hernach vielleicht als eine sterile bloße Masche entpuppt. Dann wird sie von den Historikern später immerhin noch zum "Wegbereiter" poussiert (der Pointillismus zum Beispiel, und viel bessser war's mit dem Kubismus auch nicht - nur dass er eben bis heute noch dekorativer wirkt). Das hat dann seine Auswirkungen auf den Kunstmarkt, der auf das Wahrgenommenwerden der Werke einen nicht zu unterschätzenden Einfluss nimmt, aber mit Ästhetik nur noch beiläufig zu tun hat.


Mit der Wort von der Postmoderne war eigentlich gemeint, dass es etwas substanziell Neues von nun an eigentlich nicht mehr geben kann - modern ist vorüber. Alle Bilder, die die freieste Phantasie sich immer einfallen lassen mag, sind heute irgendwie immer auch schonmal dagewesen, alles, was neu dazukommt, erinnert immer an dieses oder jenes, das die Augen längst gesehen haben. 

Da bietet sich zunächst der Ausweg, diesen Umstand selbst zum Gegenstand der Darstellung zu machen - die bekannten Bilder verfremden und so zu einander zu pressen, dass es quietscht; Parodien aller Art. Aber das ist auch nur eine längst dagewesene Masche, denndas haben die Surrealisten schon gemacht - aber da war es (anfangs) noch neu und hat am Altvertrauten ungeahnte Seiten sichtbar werden lassen. 


Was aber noch schwerer wiegt: Im Zeitalter digitaler Bildearbeitung besorgen das schon Leute, die überhaupt nicht malen können, die stellen es in Internet, wo es den Betrachter nichts kostet, und die Maler sind auch um diese Velegenheitslösung geprellt. 


Mit andern Worten, Neuheit wäre heute eine exquisitere ästhetische Qualität denn je, aber sie steht nicht mehr zu Gebot.



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